Laufen

Ich war Läufer. Eigentlich bin ich es noch immer.

Wenn ich heute alte Urkunden und Fotos aus meiner Laufzeit sehe, kommt mir manches davon erstaunlich weit entfernt vor. Mehr als 50 Wettkämpfe, zwei Halbmarathons, eine Marathonstaffel in Frankfurt und der Versuch, beim Berlin-Marathon selbst die 42,195 Kilometer zu schaffen.

Und dann sehe ich mich heute.

Sagen wir es vorsichtig: Den Läufer erkennt inzwischen nicht mehr jeder auf den ersten Blick. Trotzdem fühlt sich der Satz „Ich war einmal Läufer“ für mich falsch an. Denn ganz verschwunden ist er nie. Er war nur einige Jahre kaum noch zu sehen.

Nordhessencup-Finale 2012
Urkundenverleihung
Bei der Abschlussveranstaltung des Nordhessencups 2012.
In meiner Altersklasse erreichte ich über fünf Kilometer den vierten Platz.

Wo wird am Wochenende gelaufen?

Angefangen hat es 2011. Aus den ersten Läufen wurden regelmäßige Starts bei Volksläufen und größeren Veranstaltungen. Allein 2012 und 2013 kamen im Nordhessencup 28 Wettkämpfe zusammen.

Ich lief fünf und zehn Kilometer, später auch längere Strecken. Dazu kamen unter anderem die Tierparkläufe an der Sababurg, die Balzerbornläufe in Bad Sooden-Allendorf und die Werraman-Staffel. Von längst nicht allen Veranstaltungen habe ich heute noch Urkunden oder Ergebnislisten. Einiges ist über die Jahre verloren gegangen.

Geblieben ist die Erinnerung an eine Zeit, in der sich am Wochenende nicht die Frage stellte, ob ich etwas unternehme. Die Frage lautete eher: Wo wird diesmal gelaufen?

Besonders schnell war ich nicht. Das störte mich allerdings auch nicht. Ich lief nicht, um vorne anzukommen. Ich lief, weil ich gerne lief und weil mich interessierte, welche Strecke ich schaffen konnte.

2012 führte mich diese Frage nach Dresden. Dort lief ich meinen ersten Halbmarathon. Ein Jahr später folgte der nächste in Hannover. 21,1 Kilometer waren für mich keine beiläufige Trainingsrunde, sondern eine Strecke, vor der ich Respekt hatte. Gerade deshalb wollte ich wissen, ob ich sie bewältigen konnte.

Ich konnte.

Zwei Jahre, zwei Halbmarathons: Dresden 2012 und Hannover 2013.
Zwei Jahre, zwei Halbmarathons: Dresden 2012 und Hannover 2013.

Gemeinsam durch die Frankfurter Festhalle

2013 gehörte auch der Frankfurt-Marathon zu meinem Laufjahr. Allerdings nicht über die vollständigen 42,195 Kilometer. Gemeinsam mit drei weiteren Läufern trat ich in der Marathonstaffel an. Mein eigener Abschnitt war mit etwas mehr als acht Kilometern einer der kürzeren.

Das spielt in meiner Erinnerung heute kaum noch eine Rolle. Geblieben ist vor allem der Zieleinlauf.

Zum Schluss kamen wir als Mannschaft wieder zusammen und liefen gemeinsam in die Frankfurter Festhalle. Keine Platzierung und keine Zeit ist mir davon besonders wichtig geblieben. Aber dieser Moment, gemeinsam durch die Halle und über die Ziellinie zu laufen, ist noch da.

Vielleicht war genau das der Grund, warum mir das Laufen so viel gegeben hat. Natürlich stand am Ende eine Zahl auf der Uhr. Aber die Zahl war selten die eigentliche Geschichte.

Beim Volkslauf in Obervorschütz 2012.
Beim Volkslauf in Obervorschütz 2012.

Elf Kilometer Berlin-Marathon

Im selben Jahr wollte ich wissen, ob ich auch die vollständige Marathondistanz schaffen könnte. Ich meldete mich für Berlin an.

Etwa sechs Wochen vorher verletzte ich mir bei der Werraman-Staffel den Rücken. Mein Physiotherapeut bekam mich so weit wieder hin, dass Laufen zumindest möglich war. Einige längere Läufe im Nordhessencup funktionierten ebenfalls. Also fuhr ich nach Berlin.

Bis zur ersten Versorgungsstelle bei Kilometer fünf lief alles gut. Dort war der Boden nass. Ich rutschte weg und konnte einen Sturz gerade noch verhindern. Bei dieser Bewegung meldete sich allerdings die alte Verletzung zurück.

Ich lief weiter.

Bei Kilometer elf waren die Schmerzen so stark, dass ich mich entscheiden musste. Mehr als 30 Kilometer lagen noch vor mir. Mit einer wieder aufgebrochenen Rückenverletzung weiterzulaufen, nur damit später irgendwo eine Medaille im Schrank hängt, erschien mir nicht besonders vernünftig.

Also brach ich den Marathon ab.

Natürlich hätte ich ihn lieber beendet. Ich war schließlich nicht nach Berlin gefahren, um mir elf Kilometer der Strecke anzusehen. Trotzdem war das Aufhören die richtige Entscheidung.

Der Marathon blieb unvollendet. Die elf Kilometer bin ich dennoch gelaufen.

Als aus Vorsicht langsam Angst wurde

2014 veränderte sich mein Leben. Meine Mutter wurde zum Pflegefall, und ihre Betreuung nahm zunehmend mehr Zeit und Kraft in Anspruch. In diesem Jahr lief ich meine letzten Wettkämpfe.

Ganz verschwunden war das Laufen zunächst trotzdem nicht. Auch 2015 und 2016 versuchte ich immer wieder zurückzukommen. Inzwischen kamen jedoch weitere gesundheitliche Schwierigkeiten hinzu.

2015 wurde Belastungsasthma für mich zum Problem. Heute schränkt es mich glücklicherweise selbst ohne Medikamente kaum noch ein. Damals sah das anders aus. Ich konnte loslaufen, mich zunächst vollkommen normal fühlen und wenige Kilometer später am Streckenrand stehen und husten, als wollte ich meine Lunge gleich mit loswerden.

Irgendwann veränderte das nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Kopf. Vor einem Lauf stellte sich zunehmend die Frage, ob es diesmal wieder passieren würde. Aus Vorsicht wurde Unsicherheit, aus Unsicherheit teilweise Angst. Entsprechend seltener wurden die Versuche.

So wurde aus einem Menschen, der regelmäßig lief, langsam jemand, der regelmäßig davon erzählte, früher einmal gelaufen zu sein.

Der Läufer war nicht weg

Heute laufe ich wieder. Noch nicht weit, nicht schnell und schon gar nicht so regelmäßig wie damals. Mitunter trifft „Schleichen in Laufschuhen“ die Sache wahrscheinlich besser. Aber ich bin wieder unterwegs.

Dabei merke ich, dass die Jahre ohne regelmäßiges Laufen die Erinnerung daran nicht ausgelöscht haben. Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, vor einer Strecke zu stehen und nicht sicher zu sein, ob ich sie bewältigen kann. Ich weiß, dass langsam kein Grund ist, gar nicht erst loszulaufen. Und Berlin hat mir beigebracht, dass Aufhören nicht automatisch Scheitern bedeutet.

Vielleicht werde ich nie wieder mehr als 50 Wettkämpfe laufen. Vielleicht kommt auch kein weiterer Halbmarathon hinzu. Weiß ich nicht. Derzeit wäre schon einiges gewonnen, wenn das Laufen wieder ein selbstverständlicher Teil meines Lebens würde.

Deshalb sage ich nicht mehr: Ich war einmal Läufer.

Ich bin ein Läufer.